Eine schwierige Angelegenheit

Das neuartige Coronavirus hat auch bei globalen Wachstumsprognosen für viel Unsicherheit gesorgt

Der Stand dieses Artikels ist der 16.03.2020. Während unser Narrativ gültig bleibt, werden die rasante Verbreitung und die weltweit getroffenen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus in den letzten Tage aller Voraussicht nach eine Korrektur unserer Prognosen nach unten erfordern.

Ist es wirklich erst Mitte März? Allein in den beiden letzten Wochen hat sich mehr getan als in den meisten Jahren seit – und auch vor – der Finanzkrise 2008! In diesem langen Konjunkturzyklus bewegte sich alles wie in Zeitlupe: schwache Neukreditschaffung, schwache Investitionstätigkeit, schwache Inflation und so weiter. Nicht so die Aktienmärkte in den vergangenen Wochen. Da gab es fast tägliche Einbrüche, die Anfang März die elf Jahre lange Aktienmarkthausse in den Vereinigten Staaten und dem größten Teil der restlichen Welt beendeten. 

Derartige Marktkorrekturen verheißen nicht zwangsweise wirtschaftliches Unheil. Seit dem Schwarzen Montag an der Wall Street im Oktober 1987 waren die Zentralbanker in den Vereinigten Staaten stets willens und früher oder später auch in der Lage, die Nerven der Anleger mit Zinssenkungen, Liquiditätsspritzen oder auch Beidem zu beruhigen. Dieses Mal scheinen sie bislang kein probates Mittel gefunden zu haben, um die Angst an den Märkten zu bannen. Traurig sieht es auch im Kampf mit dem neuartigen Coronavirus selbst aus. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erklärte Covid-19 am 11. März offiziell zu einer Pandemie. An diesem Tag verhängten die Vereinigten Staaten ein Einreiseverbot für europäische Flugpassagiere. 

Um sich nicht allzu sehr von der apokalyptischen Marktstimmung mitreißen zu lassen, sollten wir einen Blick auf die Weltwirtschaft vor sechs Wochen werfen. Im Januar wurde der lang erhoffte „Phase-one Deal“ zur Regelung des Handels zwischen den Vereinigten Staaten und China unterzeichnet. Auch der Brexit kam letztlich zustande, sodass eine weitere Quelle der Unsicherheit, zumindest vorerst, beseitigt wurde. Vielleicht nicht ganz zufällig zeichnete sich auch ein Ende der globalen Produktionsflaute ab. Unsere Hoffnungen, dass uns der Dienstleistungssektor und die solide private Konsumnachfrage durch die Schwächephase im produzierenden Gewerbe tragen würden, schienen sich zu erfüllen. 

Aber dann warf Covid-19 unsere Prognosen gehörig durcheinander. Wie kann ein globales Wachstumsmuster für die kommenden Quartale erstellt werden, ohne das Wissen, wo und wie das Virus als nächstes zuschlagen wird? Damals schien Covid-19 noch weit weg von den globalen Leitbörsen zu sein, aber der drastische Anstieg täglich neu Infizierter in der chinesischen Provinz Hubai erschien äußerst besorgniserregend. Wann würde China wieder unter voller Auslastung arbeiten? Wie viele andere Analysten sammeln und überprüfen wir seither jeden Tag verschiedenste Daten aus China. Wir analysieren nicht nur die Anzahl Neuinfizierter, sondern auch andere Daten wie Staumeldungen, Luftqualität und andere Indikatoren für chinesische Städte, von denen ich zum Teil, offen gestanden, bis zum Ausbruch des Coronavirus noch nie gehört hatte.  

Nun müssen diese neuen Daten in BIP-Prognosen übersetzt werden. Vor Ausbreitung des Coronavirus hatten wir für 2020 eine „natürliche“ annualisierte Wachstumsrate Chinas von etwa 6 Prozent angenommen. Jetzt gehen wir von einer drastischen Verlangsamung des Wirtschaftswachstums in China im ersten Quartal 2020 auf annualisiert -1,5 Prozent aus, bevor im Laufe des zweiten Quartals eine kräftige Erholung einsetzen dürfte, basierend auf erneutem Lageraufbau und aufgestautem Bedarf nach bestimmten Waren und Dienstleistungen und zusätzlich unterstützt von deutlichen makroökonomischen Impulsen. 

Nach diesem Aufschwung dürfte sich das Wachstum der chinesischen Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte 2020 wieder etwas mäßigen. Somit läge das Wachstum nach unserer Einschätzung für 2020 insgesamt bei 5 Prozent. Aber diese Zahl kann in beide Richtungen stark ausschlagen. Aus statistischer, wenn auch nicht medizinischer, Perspektive wird sich die Unsicherheit im Umfeld des Coronavirus auch auf unsere Prognosen für 2021 auswirken. Bis dahin dürfte Covid-19 wirksam eingedämmt sein. Folglich dürfte das Wirtschaftswachstum Chinas im ersten Quartal 2021 im Jahresvergleich sehr schmeichelhaft aussehen – umso schmeichelhafter je schwächer das am 17. April 2020 verkündete Wachstum im ersten Quartal ausfällt.

 Unser Vorgehen für China erkläre ich auch deshalb so detailliert, um die Schwierigkeit aufzuzeigen, ein Wachstumsmuster für die kommenden Quartale im Rest der Welt zu erstellen. In China wissen wir inzwischen mehr oder weniger genau, wie sich das Virus in der Anfangsphase ausgebreitet hat. Dort hat sich die Zahl der Neuinfizierten in den letzten Tagen drastisch reduziert. Für die restliche Welt steigen die Zahlen dagegen weiter. Die Unsicherheit bleibt. Laut WHO gibt es in Südkorea aktuell um die 8.300 bestätigte Fälle, davon 74 Tote. Die Zahl der Neuansteckungen scheint rückläufig zu sein. Dagegen registriert Italien derzeit rund 25.000 Infizierte und über 1.800 Tote (Stand: 16.03.2020).[1] Daher sah sich die italienische Regierung gezwungen, praktisch das gesamte Land zur Sperrzone zu erklären. 

In den kommenden Wochen dürften auf der ganzen Welt neue Ansteckungsherde entstehen. Vor diesem Hintergrund haben wir unsere Wachstumsprognosen für 2020 für die Vereinigten Staaten von 1,6 auf 1,0 Prozent gekürzt, für die Eurozone von 0,6 auf 0,0 Prozent und für die Weltwirtschaft insgesamt auf 2,5 Prozent – mit einer anschließenden, relativ kräftigen Erholung 2021. Die Stagnation in Europa spiegelt zum Teil die Situation in Italien und unsere Einschätzung der weiteren Entwicklung von Covid-19 in anderen Ländern wider. Die Unsicherheit bleibt, nicht zuletzt mit Blick auf die zu ergreifenden Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie und deren Wirksamkeit. Natürlich war die Ausgangslage der einzelnen Länder, ihre Wachstumsdynamik vor Ausbruch des Coronavirus, sehr unterschiedlich. So befand sich Italien beispielsweise nach einer starken Schrumpfung im letzten Quartal 2019 bereits in einer Stagnation. In Japan mussten wir unsere Prognose drastisch kürzen, obwohl die Zahl der Neuinfektionen durch lokale Übertragung bisher ungewöhnlich gut eingedämmt werden konnte. Ähnlich mussten wir unsere Prognose für die asiatischen Schwellenländer für 2020 auf 5,4 Prozent zurücknehmen, hauptsächlich aufgrund der Wachstumsverlangsamung in China.

Vielleicht der größte einzelne Unsicherheitsfaktor für unsere Prognosen ist die Situation in den Vereinigten Staaten. Auf der einen Seite befindet sich die Epidemie bei Redaktionsschluss noch in der Anfangsphase, ebenso wie die mögliche Ansteckung der Finanzmärkte durch den niedrigeren Ölpreis und die Turbulenzen an den High-Yield- und Aktienmsärkten. Auf der anderen Seite erschien die wirtschaftliche Dynamik zu Beginn der Krise robust. Ohne das Coronavirus hätten wir unsere Prognose für das US-Wachstum höchstwahrscheinlich erhöht. Und da es bei Ökonomen häufig nicht nur zwei, sondern drei Seiten gibt, sei noch hinzugefügt, dass sich die Anzeichen allmählich mehren, dass wir dem Ende des US-Konjunkturzyklus entgegen steuern. 

Eines dieser Anzeichen ist die stagnierende Rentabilität von US-Unternehmen – die, gelinde ausgedrückt, nicht sehr hilfreich ist, wenn die Verschuldung der Unternehmen dem Markt sowieso schon Sorgen bereitet. Am US-Arbeitsmarkt scheint die Arbeitslosenquote einen Boden zu finden. Die Zahl zeitlich befristeter Arbeitsverhältnisse steigt nicht mehr an. Sollte sich die Zahl der Neuinfizierten drastisch erhöhen oder die Angst an den Finanzmärkten noch stärker um sich greifen, könnte dieser lange Wirtschaftsaufschwung durch Covid-19 aus der Bahn geworfen werden. Oder er könnte durch verschiedene Impulse und Maßnahmen noch einmal verlängert werden. Wir tendieren weiterhin zum zweiten Szenario, räumen aber ein, dass die Unsicherheit ungewöhnlich hoch ist.

Gewinne von US-Unternehmen stagnieren

Schon seit einigen Jahren bewegen sich die Unternehmensgewinne laut volkswirtschaftlicher Gesamtrechnung seitwärts. Dieses Muster ist für die Spätphase des Konjunkturzyklus typisch.

202003 Quarterly_macro_U.S. corporate profits_CHART_DE_72DPI.png

*Unternehmensgewinne mit Bestandsbewertung und Kapitalverbrauchsanpassungen
Quelle: Bureau of Economic Analysis; Stand: 25.02.2020


Deutlich weniger US-Stellenangebote

Seit Ende 2018 sind Stellenangebote deutlich zurückgegangen, liegen aber unverändert über der Zahl der Arbeitslosen.

202003_Quarterly_macro_U.S. job openings_CHART_DE_72DPI.png

*Laut Job Openings and Labor Turnover Survey (JOLTS)
Quellen: U.S. Bureau of Labor Statistics, DWS Investment GmbH; Stand: 20.02.2020

1. https://www.who.int/docs/default-source/coronaviruse/situation-reports/20200316-sitrep-56-covid-19.pdf?sfvrsn=9fda7db2_6

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