02. Sep 2021

Deutscher Mittelstand: Mega-Themen Klimaschutz und Digitalisierung

Ohne mittelständische Unternehmen läuft nicht viel in Deutschland. Sie sind das Rückgrat der Wirtschaft. Damit das so bleibt, muss einiges geschehen.

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Noch bevor die Wahlzettel abgegeben sind und die Parteien mögliche Koalitionen sortieren können, scheint es bereits eine sehr große Koalition zu geben: die der Unterstützer des deutschen Mittelstands. In den Wahlprogrammen der vier in den Umfragen bislang populärsten Parteien – CDU/CSU, SPD, Grüne und FDP taucht der Begriff Mittelstand jedenfalls sehr häufig auf.
Zu Recht, wenn man sich die Bedeutung vor Augen führt. Mehr als 99 Prozent aller Unternehmen in Deutschland fallen in die Kategorie kleine und mittelständische Unternehmen, mehr als die Hälfte der Arbeitsplätze ist in ihnen angesiedelt.[1] Entsprechend wichtig ist es, dass die von der Politik gesetzten Rahmenbedingungen passen, auch im Hinblick auf die internationale Konkurrenz.

Große internationale Konkurrenz für den Mittelstand – auch aus China

Denn viele der mittelständischen Unternehmen sind inzwischen international tätig, müssen sich im Wettbewerb mit Unternehmen aus aller Welt behaupten, nicht zuletzt mit denen aus China. Knapp 60 Prozent der deutschen Hidden Champions produzieren bereits in China. [2] Ein Schlüssel für den Erfolg: eine hohe Innovationskraft. „Deutschland liegt hier nach wie vor gut“, sagt Valerie Schüler, Fondsmanagerin des DWS German Small/Mid Cap, einem Fonds für deutsche Nebenwerte. Allerdings wurde Deutschland bereits 2012 von China überholt, das heute mit Abstand die Nummer eins in Sachen Patentanmeldungen ist, gefolgt von den USA und Japan.[3]

 

Valerie Schüler

Fondsmanagerin des DWS German Small/Mid Cap

Patentanmeldungen – China klar die Nummer eins

Im Jahr 2019 gingen beim chinesischen Amt für geistiges Eigentum 1,4 Millionen Patentanmeldungen ein. Es folgten die Ämter der USA, Japans, der Republik Korea und des Europäischen Patentamts. Die Top-10-Ämter machten 2019 92% der weltweiten Gesamtzahl aus.

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Quelle: WIPO Statistics Database, Stand: Februar 2021

Zwei Bereiche, die für die künftigen Wohlstand in Deutschland eine große Rolle spielen dürften, sind die Themen Umbau in Richtung einer nachhaltigen Wirtschaft und Digitalisierung.

Klimaneutralität – große Herausforderung und viele Chancen

Die Treibhausgase drastisch zu reduzieren und eine Klimaneutralität zu erreichen, ist das wohl drängendste Thema unserer Zeit. „Für deutsche mittelständische Unternehmen ist diese notwendige Transformation eine riesige Chance, auf sie kommen allerdings auch große Herausforderungen zu“, so Schüler. Das zeigt sich beispielsweise an den Energiekosten. Deutschland hat in Europa schon jetzt die höchsten Strompreise.[4]

Generell dürften aber die Chancen für die Wirtschaft überwiegen. „Es gibt eine Vielzahl von Technologien und Innovationen, von denen der deutsche Mittelstand profitieren könne, so Schüler. Beispielsweise Verfahren, bei denen das entstehende CO2 abgeschieden und gelagert wird oder Methoden zur Entnahme von atmosphärischem Kohlendioxid. Allerdings seien diese Methoden auch mit Risiken verbunden. Deshalb sei es für eine nachhaltige Klimapolitik äußerst wichtig, Treibhausgasemissionen so weit wie möglich zu vermeiden, zum Beispiel durch Energieeinsparungen bei Gebäuden. Es gebe viele Ansatzpunkte, so Schüler: „Investitionen in energieeffiziente Gebäude bis hin zu Smart-Home-Lösungen, die Förderung von umweltfreundlichen Baustoffen wie Holz, um nachhaltiges Bauen zu unterstützen oder auch die Förderung der energetischen Sanierung von Gebäuden.

Grüner Wasserstoff – riesige Chancen für deutsche Unternehmen

Eine große Chance sieht Schüler zudem für die Wirtschaft, wenn es ihr gelinge, das Deutschland zum Wasserstoffland Nummer eins zu machen, mit einer Konzentration auf grünen Wasserstoff. Laut einer Studie könnte Wasserstoff bis zum Jahr 2050 in Europa etwa ein Viertel des Energiebedarfs decken.[5] Dazu seien massive Investitionen in Infrastruktur notwendig, beispielsweise in Strom- und Wasserstoffleitungen.

Wenn es um die Aussichten der deutschen Wirtschaft geht, darf ein Blick auf die Autoindustrie, dem nach wie vor wichtigsten Wirtschaftszweig in Deutschland, nicht fehlen. Die derzeitige noch hohe Abhängigkeit vom Verbrennungsmotor sei definitiv ein Risiko für die deutsche Wirtschaft. Doch auch hier setzt Schüler auf die Chancen, die sich durch den Wandel ergeben. Deutschland könne zum führenden Standort für die Batteriezellenfertigung in Europa werden, eine Aufgabe für die Wirtschaft aber auch für den Staat, der die richtigen Rahmenbedingungen setzen und gezielt fördern müsse. Schon fast zwangsläufig ein Wachstumsmarkt ist die nötige Infrastruktur, die für E-Autos in den nächsten Jahren massiv ausgebaut werden muss. Bis 2030 sind in ganz Europa Investitionen von etwa 80 Milliarden Euro nötig, damit die erwartete Anzahl von Elektroautos flächendeckend aufgeladen werden kann. Drei Viertel der Investitionen, etwa 60 Milliarden Euro, dürften private Unternehmen schultern.[6] Auch hier sieht Schüler erhebliche Chancen für deutsche Unternehmen.

"„Es gibt einige deutsche Unternehmen, die von diesem Trend profitieren dürften“"

Valerie Schüler, Fondsmanagerin des DWS German Small/Mid Cap

Viel zu tun beim Thema Digitalisierung

Wie wichtig das Thema Digitalisierung für die Innovationsfähigkeit deutscher Unternehmen ist, zeigt folgende Zahl: 72 Prozent der innovativen Mittelständler führen Digitalisierungsvorhaben durch, ergab eine Erhebung der Kreditanstalt für Wiederaufbau.[7] Fazit der Studienautoren: Digitalisierung ist ein Hoffnungsträger für die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit in breiten Teilen der Wirtschaft und für das Wiederanspringen der Produktivitätsentwicklung. Dazu kommt ein Punkt, der in der breiten Diskussion häufig anders wahrgenommen wird: Digitalisierung ist in vielen Bereichen weniger Bedrohung als Chance. So beobachteten die KfW-Autoren stabilere Beschäftigungsverhältnisse bei Unternehmen, die auf Digitalisierung setzten als bei denen, die das Thema vernachlässigten. Valerie Schüler: „Beim Thema Digitalisierung gibt es in Deutschland einen erheblichen Aufholbedarf. Aktuell haben wir hierzulande noch eine schlechte digitale Infrastruktur und eine öffentliche Verwaltung, die in Sachen Digitalisierung einen enormen Nachholbedarf hat.“ Die Politik müsse jetzt die richtigen Weichen stellen: die digitale Infrastruktur ausbauen, um eine flächendeckende und zuverlässige Internetverbindung zu gewährleisten und das Bildungswesen digitalisieren.

Nachholbedarf bei künstlicher Intelligenz und Blockchain

Zudem sei es wichtig, dass die Investitionen in Zukunftstechnologien wie künstliche Intelligenz und Blockchain deutlich erhöht werden. Die deutsche bzw. die europäische Digitalwirtschaft müsse dringend ausgebaut und die Abhängigkeit von chinesischen und US-Herstellern verringert werden. Wie groß das Verbesserungspotenzial ist, zeigt der Index für digitale Wirtschaft und Gesellschaft. Die deutsche Wirtschaft liegt hinsichtlich der Integration digitaler Technologien in Europa im unteren Mittelfeld, weit hinter Ländern wie Irland (Nummer 1), Finnland und Belgien, aber auch hinter Malta und Kroatien.[7]

Ranking der deutschen Wirtschaft hinsichtlich der Integration digitaler Technologien

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Quelle: DESI 2020

Die DWS hat keine Absicht, für ein bestimmtes Ergebnis der Bundestagswahl 2021 zu werben. Leser/Leserinnen, die an der Wahl teilnehmen, sollen so wählen, wie sie es persönlich für richtig erachten.

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Mehr erfahren

1. Quelle: BVMV, Stand: Januar 2021

2. Hermann Simon, Chairman Simon, Kucher & Partners in FAZ vom 23.08.2021: “Kampf der heimlichen Champions“

3. WIPO Statistics Database, Stand: Februar 2021

4. W-Gutachten, Entwicklung der Stromkosten im internationalen Vergleich, Stand: 2.6.2020

5. Europäische Kommission, Index für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft (DESI) 2020, Stand: 11. Juni 2020

6. Bloomberg NEF, electric vehicle outlook report 2021

7. KfW, Digitalisierungsbericht Mittelstand 2020

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