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Der Yen: Mehr als ei­ne Zins­ge­schich­te

Chart of the week
Währungen
Global

24.07.2026

Der reale Yen befindet sich nahe historischer Tiefstände. Der Grund liegt weniger in Zinsdifferenzen als in drei Jahrzehnten anhaltender Kapitalexporte.

Shibuya-Kreuzung in Tokio, Japan, als Symbol für den japanischen Yen und die Wirtschaft.

Der USD/JPY-Wechselkurs ist zuletzt wieder auf über 162 geklettert, damit notiert der Yen so schwach wie seit rund 40 Jahren nicht mehr. Gleichzeitig hat die japanische Regierung Pensionsfonds, Versicherer und andere institutionelle Investoren dazu aufgerufen, stärker in heimische Vermögenswerte zu investieren. Das ist kein Zufall. Denn die außergewöhnliche Schwäche des Yen ist unserer Einschätzung nach weit mehr als eine Folge aktueller Zinsdifferenzen.

Ein Blick auf den realen effektiven Wechselkurs verdeutlicht die Dimension. Dieser berücksichtigt neben den Wechselkursen auch Inflationsunterschiede gegenüber den wichtigsten Handelspartnern. Seit seinem Hoch Mitte der 1990er-Jahre ist der entsprechende Index der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich von knapp 200 auf zuletzt rund 66 Punkte gefallen. Real hat der Yen damit rund zwei Drittel seines Wertes verloren.

Oft wird diese Entwicklung vor allem mit der Geldpolitik erklärt. Tatsächlich war die Bank of Japan Vorreiter bei Nullzinsen, quantitativer Lockerung, Negativzinsen und später Zinskurvenkontrolle. Dadurch entwickelte sich der Yen zur bevorzugten Finanzierungswährung internationaler Investoren. Die seit der Pandemie stark gestiegenen Zinsen in den USA und Europa verstärkten diesen Trend zusätzlich.

Die eigentliche Konstante der vergangenen drei Jahrzehnte sind jedoch die Kapitalströme. Nach dem Platzen der Vermögenspreisblase Anfang der 1990er-Jahre verlagerten viele Unternehmen Produktion und Investitionen ins Ausland. Gleichzeitig führten schwaches Wachstum, niedrige Inflation und begrenzte Renditechancen dazu, dass Versicherungen, Pensionsfonds und andere Anleger immer größere Teile ihres Vermögens außerhalb Japans investierten.

Japan entwickelte sich so zu einer der größten Kapitalexportnationen der Welt. Das Land verfügt heute über enorme Auslandsvermögen und erzielt einen wesentlichen Teil seiner Erträge aus internationalen Anlagen. Viele dieser Erträge werden jedoch im Ausland reinvestiert und nicht in Yen zurückgetauscht. Zusätzlich investieren inzwischen auch private Haushalte verstärkt im Ausland.

„Für die Entwicklung des Yen ist entscheidend, ob Auslandserträge wieder nach Japan zurückfließen oder dauerhaft im Ausland reinvestiert werden. Genau hier hat sich das japanische Wirtschaftsmodell über die vergangenen Jahrzehnte grundlegend verändert“, sagt Xueming Song, Währungsstratege der DWS.

Vor diesem Hintergrund sind die jüngsten Signale aus Tokio bemerkenswert. Wenn die Regierung Pensionsfonds und Versicherungen zu stärkeren Investitionen im Inland ermutigt, adressiert sie nicht nur die Symptome einer schwachen Währung, sondern eine ihrer möglichen Ursachen: die strukturellen Kapitalabflüsse.

Unser Chart of the Week zeigt somit mehr als nur die Entwicklung einer Währung. Es zeigt, wie stark japanisches Kapital inzwischen außerhalb der eigenen Landesgrenzen arbeitet. Die entscheidende Frage für die kommenden Jahre lautet daher nicht nur, wie sich die Zinsen entwickeln. Wichtiger wird sein, ob Japan wieder attraktiv genug wird, um einen größeren Teil seines Kapitals im eigenen Land zu halten. Erst dann dürften die Voraussetzungen für eine nachhaltigere Erholung des realen Yen deutlich günstiger werden.

Quellen: Bloomberg Finance L.P., DWS Investment GmbH; Stand: 20.07.2026

* REER (Real Effective Exchange Rate): Inflationsbereinigter, handelsgewichteter Wechselkurs gegenüber den wichtigsten Handelspartnern


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