29. Jul 2022 ESG

„Kohlenstoffbomben“ bedrohen das Weltklima

Der Druck der Investoren allein wird nicht ausreichen, um die gigantischen Projekte zur Gewinnung fossiler Brennstoffe zu stoppen. Auch die Politik ist gefragt.

Politik und Nachhaltigkeit passen gerade in schwierigen Zeiten nicht immer perfekt zusammen. Siehe etwa die europäischen Bemühungen, die Abhängigkeit von russischem Erdgas zu verringern. Eine Folge war Ankündigung der Europäischen Kommission, Erdgas und Kernenergie als grüne Alternativen einzustufen.[1] Eine andere die Aufhebung der Beschränkungen für Stromerzeugung aus Kohle in Ländern wie Deutschland, Österreich und den Niederlanden.[[DisclaimerRFI (20 June 2022). Dutch join Germany and Austria in reverting to coal https://www.rfi.fr/en/business-and-tech/20220620-dutch-join-germany-austria-in-reverting-to-coal]]

Trotzdem führt kein Weg an der Geopolitik vorbei, wenn der Klimawandel gestoppt werden soll. Unser „Chart of the Week“ zeigt die weltweit größten Förderungsprojekte für fossile Brennstoffe nach Ländern.[2] Die Autoren der Studie nennen diese bereits im Betrieb befindlichen oder geplanten Kohle-, Öl- und Gasabbaustätten „Kohlenstoffbomben“. Zurecht, den bei diesen 425 Projekten drohen insgesamt jeweils mehr als eine Gigatonne an CO2-Emissionen, falls die jeweiligen fossilen Brennstoffe vollständig abgebaut und verbrannt würden. Zusammen werden allein die potenziellen CO2-Emissionen dieser Projekte auf ungefähr 1.182 Gt CO2 geschätzt. Das ist das Doppelte dessen, was unter dem 1,5°C-Erwärmungsszenario zulässig wäre. Angesichts der Verbreitung von Klimaschutzbemühungen auf nationaler sowie auf Unternehmensebene stellt sich die dringende Frage, wie diese Projekte gestoppt werden können.

Potenzielle Kohlendioxidemissionen aus Großprojekten zur Gewinnung fossiler Brennstoffe pro Land


*1 Milliarde (G) Tonnen CO2

Quellen: Kjell Kühne, et al. “Carbon Bombs” - Mapping key fossil fuel projects, Energy Policy, Volume 166, 2022, DWS Investment GmbH; Stand: 27.07.2022

Hier kommt die Geopolitik ins Spiel. Erstaunlicherweise repräsentieren zehn Länder mit jeweils mehr als 10 „Kohlenstoffbomben“ circa 75 Prozent des potenziellen Emissionsuniversums. Etwa 40 Prozent der „Kohlenstoffbomben“ haben noch nicht mit dem Abbau begonnen. Eine solche Konzentration von Projekten scheint die Gelegenheit für ein starkes Engagement von Investoren zu bieten, durch Dialog mit den Projektbetreibern eine Reduzierung der Investitionsausgaben für fossile Brennstoffe, die Beschleunigung des Übergangs zu einer kohlenstoffarmen Produktion oder einfach die Rückzahlung von Kapital an die Aktionäre einzuleiten. Fast zwei Drittel dieser Projekte liegen jedoch in China, Russland, dem Nahen Osten und Nordafrika und werden typischerweise von staatlichen Unternehmen betrieben. Förderungsprojekte börsennotierter Unternehmen, die in den USA, Kanada, Australien und Indien tätig sind, machen nicht mehr als ein Fünftel der potenziellen CO2-Emissionen aus.

Höhere CO2-Preise, möglicherweise in Kombination mit Ausgleichsmechanismen z.B. über CO2-Zölle, um die weltweite Akzeptanz zu erhöhen, scheinen ein vielversprechenderer Weg zu sein. Wie der IWF letztes Jahr vorgeschlagen hat, könnte dies zunächst in Form eines CO2-Mindestpreises erfolgen, der insbesondere auch alle Emissionen in den Schwellenländern umfassen sollte.[3] Fast 100 Länder, die 58 Prozent der weltweiten Emissionen abdecken, haben bereits erklärt, dass CO2-Handelssysteme eine wichtige Säule der nationalen Klimapolitik sein werden, um ihre „Netto-Null“ Ziele bei Treibhausgasemissionen zu erreichen.[4] Ein solch breiter Konsens dürfte hilfreich sein, nicht zuletzt um internationalen politischen Druck auf die verbleibenden Nachzügler auszuüben. Damit dies wirksam und glaubwürdig ist, dürfen die westlichen Klimasünder der Vergangenheit bei den Emissionsreduktionen zu Hause aber jetzt nicht nachlassen, auch in Zeiten geopolitischer Krisen.

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1. Reuters (6 July 2022). EU parliament backs labelling gas and nuclear investments as green https://www.reuters.com/business/sustainable-business/eu-parliament-vote-green-gas-nuclear-rules-2022-07-06/

2. Kuehne K., Bartsche N., Driskell Tate R., Higson J., Habet A. (May 2022). Carbon bombs – mapping key fossil fuel projects https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0301421522001756#:~:text=We%20have%20identified%20425%20carbon,been%20producing%20yet%20in%202020.

3. IMF (June 2021). Proposals for an international carbon price floor among large emitters https://www.imf.org/en/Publications/staff-climate-notes/Issues/2021/06/15/Proposal-for-an-International-Carbon-Price-Floor-Among-Large-Emitters-460468

4. World Bank (May 2021). 2021 State and Trends of Carbon Pricing https://openknowledge.worldbank.org/handle/10986/35620

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