Kann der Finanzsektor auch Biodiversität?

Chart of the Week

Nach Klimaneutralität könnte Biodiversität das nächste Thema sein, bei dem Zentralbanken und Regulierer den Finanzsektor als Erfüllungsgehilfen nutzen.

65 Staatsoberhäupter zu einer Einigung zu bewegen, ist bemerkenswert. Und wenn es bei dieser Einigung um "sinnvolle Maßnahmen" im Bereich der biologischen Vielfalt geht, ist das noch bemerkenswerter[1]. Diese Woche veranstaltete die UNO einen virtuellen Biodiversitäts-Gipfel[2] mit dem Ziel, eine neue Vereinbarung zu erreichen, wenn die UN-Konvention über biologische Vielfalt im Mai 2021 in China tagt.

Warme Worte zu diesem Thema gibt es genug,  aber vielleicht folgen diesmal echte Taten, zumal die Menschheit seit 1970 bereits 68 Prozent aller Säugetiere, Vögel, Fische und Reptilien ausgerottet hat.[3] Dieser Verlust an biologischer Vielfalt wird durch den Klimawandel beschleunigt und verschärft ihn noch, während die Zerstörung der Wälder und der Handel mit Wildtierarten Pandemien wie die jetzige wahrscheinlicher gemacht hat. Covid-19, Zika, Aids, SARS und Ebola stammen alle aus Tierpopulationen, deren natürliches Habitat durch menschliche Eingriffe stark gelitten hat.[4]

Wie zuvor das Klima, könnte nun auch Biodiversität Bedeutung für Finanzinstitutionen erlangen: Das Versprechen der Staats- und Regierungschefs zielt darauf ab, die biologische Vielfalt in alle relevanten Politikbereiche und internationalen Vereinbarungen einzubeziehen. Dem Finanzsektor sollen national und international Anreize gegeben werden, den Wert der Natur und der biologischen Vielfalt zu berücksichtigen, Kapital zu mobilisieren und die Erhaltung, Wiederherstellung und nachhaltige Nutzung der Natur bei Finanzierungs- und Investitionsentscheidungen sowie beim Risikomanagement zu fördern.

Diese Ziele sollten ohnehin Selbstläufer sein, doch könnte es die Finanzindustrie zusätzlich motivieren, dass Biodiversität wachstumsfördern wirken kann: Der WWF[5] analysierte sechs "Ökosystemleistungen", die die Natur erbringt: Wasserversorgung für die Landwirtschaft, Holzversorgung, Meeresfischerei, Bestäubung von Nutzpflanzen, Schutz vor Überschwemmungen, Sturmfluten und Erosion sowie Kohlenstoffspeicherung. Unser "Chart of the Week" zeigt, dass das globale Wachstums des Bruttoinlandsprodukts (BIPs) durch mangelnde Maßnahmen zur Erhaltung und Wiederherstellung der biologischen Vielfalt gefährdet ist. Bei "unverändertem Handeln" könnte es bis 2050 zu einem Rückgang des jährlichen BIP-Wachstums um 0,67 Prozent führen (das entspräche einem Rückgang von 10 Billionen Dollar). In einem "Globalen Erhaltungsszenario" könnte sich das BIP-Wachstum bis 2050 um 0,02 Prozent beschleunigen (Zuwachs von 11 Milliarden Dollar). Wobei diese Zahlen wahrscheinlich noch zu konservativ sind.

Wie wichtig Biodiversität für Regulierungsbehörden und Investoren ist, zeigen dann andere Zahlen: 69 Finanzregulatoren und Zentralbanken sind Mitglieder des "Network for Greening the Financial Sector" (NGFS). Die niederländische Zentralbank[6] stellte fest, dass niederländische Institutionen 36 Prozent ihrer Portfolios in Unternehmen mit hoher oder sehr hoher Abhängigkeit von Ökosystemdienstleistungen investiert haben. Wir erwarten, dass diese Erkenntnis den Handlungsdruck erhöhen und noch mehr Zentralbanken dazu veranlassen wird, sich dem NGFS anzuschließen. Aktuell befinden sich 39 Mitglieder des NGFS in Ländern mit hohem oder hohem mittlerem Einkommen, aber der WWF kommt zu dem Schluss, dass Länder mit niedrigem Einkommen am stärksten von BIP-Verlusten durch die Zerstörung der biologischen Vielfalt bedroht sind, aber auch am meisten davon profitieren können, wenn sie sich für den Naturschutz entscheiden. Ein Großteil der Ressourcenausbeutung und der Zerstörung der biologischen Vielfalt geht jedoch auf Länder mit höherem Einkommen, Unternehmen und Einzelpersonen zurück, die Produkte herstellen und kaufen.

"In den vergangenen fünf Jahren haben die Zentralbanken eine Schlüsselrolle bei der Verschärfung des Klimaschutzes gespielt. Diese Erfahrung muss für Zentralbanken, Aufsichtsbehörden, Finanzinstitutionen und die Realwirtschaft wiederholt und beschleunigt werden, wenn es um den Erhalt und die Wiederherstellung der biologischen Vielfalt geht", meint dazu Murray Birt, Senior ESG-Strategist der DWS.

20201002_CotW_Biodiversity GDP_CHART_DE_72DPI.png

Quellen: WWF UK, Stand: Januar 2020. NGFS, Stand: September 2020. DWS Investment GmbH; Stand: 01.10.2020

font

CIO View

Cookies Policy

Diese Website verwendet Cookies zur Verbesserung der Benutzerfreundlichkeit. Wenn Sie akzeptieren gehen wir davon aus, dass Sie damit einverstanden sind. Weitere Informationen zu den von uns verwendeten Cookies oder darüber, wie Sie Ihre Einstellungen verändern können, finden Sie in unserem Cookie-Hinweis.
Alle Cookies Akzeptieren

Anderes Land

Anderes Land