18. Jun 2021 ESG

Kapital und Arbeit. Kein Gegensatz.

Neben Unternehmensführung und Umwelt gehört auch "Soziales" ins Nachhaltigkeitstriumvirat. Institutionelle Investoren erkennen den Wert der Mitarbeiter.

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In den letzten zweieinhalb Jahrzehnten haben wir erlebt, wie die Globalisierung, die Digitalisierung und die damit verbundenen Produktivitätsgewinne zunehmend den Kapitaleignern und nicht den Arbeitnehmern zugute kamen (DWS CIO Chart of the Week vom 11. Juni 2021: Steuerharmonisierung). Wäre Milton Friedman noch am Leben, sähe er seine Maxime, wonach Unternehmen einzig ihren Aktionären gegenüber verantwortlich sind, erfolgreich umgesetzt.[1]

Doch die Zeiten ändern sich.

In einer weltweiten Umfrage[2], die Anfang letzten Jahres veröffentlicht wurde, glaubten 56 Prozent der Befragten, dass der Kapitalismus in seiner heutigen Form mehr Schaden als Nutzen anrichte. Der Coronavirus hat dazu geführt, dass die Unterstützung, die Unternehmen ihren Mitarbeitern, Auftragnehmern und Kunden bieten, noch genauer unter die Lupe genommen wird, ebenso wie ihr Einfluss auf die Unternehmensleistung. Man denke nur an die 1.500 Mitarbeiter deutscher Fleischbetriebe, die vor rund einem Jahr positiv auf Covid-19 getestet wurden, und an die anschließende Verordnung zur Verbesserung der schlechten Arbeitsbedingungen in diesem Sektor. Dies konnte durchaus als abschreckendes Beispiel für Unternehmen, die sich nicht hinreichend um ihre Mitarbeiter kümmern, verstanden werden.

Wie sehen globale Investoren das? In einer Umfrage[3] von CREATE und der DWS unter Pensionsfonds aus der ganzen Welt, die vergangenen Monat veröffentlicht wurde, nannten 59 Prozent Covid-19 als Schlüsselfaktor für ihr gestiegenes Interesse am „S“ in ESG, also der nachhaltigen Ausrichtung von Unternehmen bei Umwelt, Sozialem und Unternehmensführung, eben weil es sich direkt im Unternehmenserfolg niederschlagen kann. Eine noch größere Anzahl, 66 Prozent, betrachteten Mitarbeiter als diejenige Komponente der „S“-Säule, welche den größten Einfluss auf die Erfolgskennzahlen hat, wie unser Chart of the Week zeigt. Der zuvor so gehätschelte Aktionär landete in dieser Umfrage erst an vierter Stelle. Ein klares Zeichen dafür, dass das Primat der Aktionäre auf Kosten eines Stakeholder-zentrierten Kapitalismus abgelehnt wird. Zumindest auf dem Papier. Wie die Wahl ausfiele, würde sie konkret zwischen höheren Aktienrückkäufen und höheren Mindestlöhnen getroffen werden müssen, steht auf einem anderen Blatt.

Obwohl es in der Forschung klare Hinweise auf die Bedeutung der Mitarbeiterpolitik für den Anlageerfolg gibt[4], sind diesbezügliche Informationen noch kein fester Bestandteil der Unternehmensberichterstattung geworden. Dies könnte sich am schnellsten dann ändern, wenn die Aufsichtsbehörden dies fordern würden. Einen Anfang hat die amerikanische Börsenaufsichtsbehörde SEC[5] gemacht, die börsennotierten US-Unternehmen vorschreibt, Angaben zum Humankapital zu machen. Die EU wiederum arbeitet emsig an ihrer neuen Sozialtaxonomie, die sich an den Menschenrechten orientieren und in diesem Sommer veröffentlicht werden soll. Die Herausforderung besteht darin, dass Umwelttaxonomien auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen, während soziale Themen eher qualitativer Natur sind und in einem Teil der Welt ganz anders gesehen werden können als in einem anderen. Hier gibt es noch großen Abstimmungsbedarf, doch wir setzen auf eine steile Lernkurve – hoffentlich zum Vorteil aller Stakeholder.

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Mehr erfahren

1. Friedman, M. (1970). The social responsibility of business is to increase profits. New York Times Magazine

2. Der 2020 Edelman Trust Barometer (Januar 2020)

3. CREATE-Research, DWS (Mai 2021). Passive Investing 2021: Rise of the social pillar of ESG

4. L. Beeferman, A.Bernstein, Labor and Worklife Program at Harvard Law School (April 2015). The Materiality of Human Capital to Corporate Financial Performance

5. SEC (August 2020). Modernization of Regulation S-K Items 101, 103, and 105

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