EZB-Standardpäckchen an einem historischen Tag

Vor dem Hintergrund von heftigen Markteinbrüchen, dramatischen Corona-Maßnahmen und tatkräftigen Zentralbanken in London und den USA, schien das EZB-Paket etwas untergewichtig.

Selbst an einem "normalen" Handelstag in Zeiten der Coronavirus-Krise hätte das am gestrigen Donnerstag vorgestellte Maßnahmenpaket wohl kaum Eindruck gemacht. Die Erwartungen an die Europäische Zentralbank (EZB) waren ohnehin schon hoch. Obwohl, oder eben gerade weil es so offensichtlich ist, dass die EZB nur einen kleinen Teil zur Lösung der Corona-Krise beitragen kann. Vielleicht hat sie deswegen erst gar nicht versucht, die Erwartungen des Marktes zu erfüllen, da dieser womöglich ohnehin erst bei einer Übererfüllung zufrieden gewesen wäre. Worauf es den (institutionellen) Anlegern wirklich ankommt, zeigte sich an der Marktreaktion auf eine bestimmte Aussage Christine Lagardes. Als sie betonte, dass es nicht ihre Aufgabe sei, die Risikoprämien der Peripherieanleiherenditen zu verringern. Dafür gäbe es andere Instrumente und Verantwortliche. Das könnte man als das Gegenteil von Mario Draghis Zusicherung "Whatever it takes" deuten. Für einen, am Liquiditätstropf der Zentralbanken hängenden Kapitalmarkt schienen genau das die falschen Worte zu sein. Für Lagarde ist das insofern ärgerlich, als dass sie jetzt für die Versäumnisse der Zentralbanken und Aufsichtsbehörden der vergangenen Jahre hinhalten muss. Zwar wird im angelsächsischen Raum unter "policy error", also dem falschen oder zu späten Agieren der Zentralbanken, immer nur der Mangel an weiterer Liquidität verstanden. Doch die Abhängigkeit der Marktteilnehmer von eben dieser Liquidität ist sicherlich ebenso ein Problem, wie sich gestern wieder mal offenbarte. Allerdings ist es schwierig diese Abhängigkeit in Krisenzeiten zu korrigieren, weshalb man den Märkten wohl zähneknirschend weiter das geben muss, was sie für ihr Funktionieren verlangen.    

Wie dysfunktional die Märkte am Donnerstag, den 12. März, waren, wird sich wohl erst in den kommenden Tagen zeigen. Es war ein, selbst im Vergleich zu den bereits turbulenten Vortagen, außerordentlicher Tag, den man jetzt schon historisch nennen kann. Nicht nur aufgrund rekordträchtiger Bewegungen an den Kapitalmärkten. So verzeichnete der Dax mit minus 12,2 Prozent seinen zweithöchsten Tagesverlust und der S&P 500 mit minus 9,51 Prozent den schwächsten Tag seit 1987. Die Volatilität der Aktienmärkte erreichte Stände wie zuletzt zum Höhepunkt der Finanzkrise 2008. Andere Märkte fielen insbesondere durch ihre Funktionsstörungen auf. Nicht nur bei Unternehmensanleihen, sondern sogar bei US-Staatsanleihen brach der Handel teilweise ein, woraufhin die US-Zentralbank mit mehreren Billionen Dollar intervenierte. Gold verlor überraschenderweise an Wert, was auf einen Liquiditätsbedarf vieler Marktteilnehmer deutet. Der Tag war aber auch deshalb historisch, da an ihm viele Länder im Umgang mit dem Coronavirus umfänglich auf Krisenmodus schwenkten. In Europa auf Länderebene, in den USA auf Ebene der Bundesstaaten, Unternehmen und Verbänden. Die Krise, und das Bewusstsein, dass ihre Bekämpfung oberste Priorität haben muss, sind gestern überall angekommen.

Das waren natürlich keine leichten Voraussetzungen für die Notenbank der Eurozone. Nachdem die anderen großen Zentralbanken vorgelegt haben, rundete die EZB mit einem zielgerichteten Paket den internationalen Rettungsreifen vorerst ab. Allerdings agiert sie dabei deutlich weniger aggressiv als es die anderen bedeutenden Notenbanken getan haben. Christine Lagarde stellte gleich zu Beginn der Pressekonferenz klar, dass in diesem wirtschaftlichen Umfeld die Fiskalpolitik gefordert ist. Sie rief entsprechend die europäischen Regierungen zu einer koordinierten und substantiellen Fiskalpolitik auf, mit Flankierung seitens der EZB. Es war allerdings schon kein Rufen mehr, sondern beinahe ein Flehen, was man wiederum als Eingeständnis der begrenzten Möglichkeiten der EZB in diesem Fall werten könnte.

Aufgrund ihrer beschränkten Möglichkeiten konzentriert sich die EZB nach ihrer eigenen Analyse auf zielgerichtete Maßnahmen. Im Wesentlichen sind dies Liquiditätsmaßnahmen für Banken, um die Kreditvergabe weiter zu gewährleisten, allerdings zu noch einmal niedrigeren Zinssätzen. Angesichts der Markterwartungen auf die Lieferung eines großen geldpolitischen Pakets, ist der positive Effekt dieser Maßnahmen völlig untergegangen. Konkret legt die EZB ein neues Programm zur Vergabe längerfristiger Kredite an Geschäftsbanken (TLTRO) zur sofortigen Liquiditätsunterstützung des Finanzsystems mit einem Zinssatz von -0,5 Prozent auf. Zudem werden die Konditionen für das bereits existierende TLTRO-III-Programm für den Zeitraum Juni 2020 bis Juni 2021 mit einem Zins zwischen -0,25 bis -0,75 Prozent nochmals verbessert. In ihrer Rolle als Aufsichtsbehörde hat die EZB Lockerungen für die Kapitalanforderungen von Banken beschlossen. Dies alles dient dazu, die Anreize für Banken hoch zu halten und die Kreditvergabe zu unterstützen. Zwingen kann die Zentralbank die Banken aber nicht. Daher wird der Erfolg des Programms auch von der Bereitschaft der Staaten abhängen, Garantien oder Bürgschaften für Unternehmen auszusprechen.

Auch die Anleihekäufe für 2020, welche um 120 Milliarden Euro aufgestockt wurden und sich hauptsächlich auf Unternehmensanleihen konzentrieren, sollen zu einer Verbesserung der finanziellen Rahmenbedingungen beitragen. Der Einlagenzinssatz wurde hingegen bei -0,5 Prozent belassen. Hier scheint es, als hätte sich der Markt ein stärkeres Signal erhofft.

Reichen diese Maßnahmen aus? Angesichts der sich von Tag zu Tag verschärfenden Situation ist es sicherlich zu früh, um mit einem "das war´s" zu antworten. Wie schnell sich die externen Parameter verändern, musste sich die EZB anhand ihrer eigenen Wachstumsprognosen eingestehen. Das erwartete Bruttoinlandsprodukt- (BIP-) Wachstum für die Eurozone wurde lediglich von 1,1 auf 0,8 Prozent für 2020 runtergenommen, womit die EZB deutlich hinter der Kurve liegt. Sie räumte jedoch ein, dass diese Wachstumsprognose weder den Ölpreisschock noch die jüngst ausgeweiteten Coronavirus-Abwehrmaßnahmen der verschiedenen Länder berücksichtigt. Der Druck, noch mehr zu tun, wird daher sicherlich weiterhin hoch bleiben.

Wertentwicklung der vergangenen 12-Monats-Perioden


02/15 - 02/16 02/16 - 02/17 02/17 - 02/18 02/18 - 02/19 02/19 - 02/20

Dax

-16,7%

24,6%

5,1%

-7,4%

3,3%

S&P 500

-6,2%

25,0%

17,1%

4,7%

8,2%

Quelle: Bloomberg Finance L.P., DWS Investment GmbH; Stand: 28.02.2020
Wertentwicklungen in der Vergangenheit sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Wertentwicklungen.

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