01. Mrz 2021 Global

Ein hoffentlich normaleres Jahr voraus

Die Wirtschaft startet einen neuen Zyklus und die Kapitalmärkte zeigen typische Spätzyklus-Merkmale. Das stimmt uns insgesamt optimistisch, aber nicht euphorisch.

Lesezeit
Quality_Grey.svg

Bevor wir zu den neuen Prognosen für die kommenden zwölf Monate kommen, möchte ich Ihnen noch kurz die neue Aufmachung des CIO Views vorstellen, welcher unsere vierteljährlichen Strategiesitzungen begleitet. Er wurde etwas entschlackt und auf die drei Bestandteile Schwerpunktthema, Marktausblick sowie diese persönliche Zusammenfassung reduziert. Dies soll dabei helfen, unsere Überlegungen schneller und bündiger an Sie weiter zu geben. 

"Politik, Umweltkatastrophen und das Virus beherrschen die Schlagzeilen. Doch an der Börse entscheiden vor allem Gewinnwachstum und Zinsen. Für beide sind wir auf 12-Monatssicht zuversichtlich, auch wenn höhere Realzinsen zwischendurch für Unruhe sorgen könnten. "

Stefan Kreuzkamp, Chief Investment Officer und Leiter der Investment Division

Unser Ausblick bis März 2022 ist insgesamt recht zuversichtlich. Wir haben unsere globale Wachstumsprognose für das laufende Jahr auf 5,3 Prozent angehoben und erwarten im Schnitt mittleres einstelliges Renditepotenzial bei Aktien. Etwas beunruhigend ist vielleicht die erstaunlich hohe Übereinstimmung unter unseren Anlageprofis, was der Lage an den Märkten entspricht: selten zuvor war ein so großer Anteil professioneller Anleger optimistisch gestimmt, selten zuvor war ihre vorgehaltene Kasse so niedrig. Es mehren sich auch sonst Anzeichen euphorischer Kapitalmärkte, wie sie eigentlich für einen Spätzyklus typisch sind: hohe Schuldenaufnahmen, eine Vielzahl von Börsengängen und Kursexzesse bei exotischeren Finanzinstrumenten[1]. Für den Optimismus gibt es aber auch gute Gründe: der Pandemieverlauf, der Konjunkturverlauf, die Unternehmensgewinne und die Unterstützung der Zentralbanken. In Bezug auf die Pandemie sollte die nervenzehrende Lockdown- und Lockerungsdiskussion nicht darüber hinwegtäuschen, dass die hochwirksamen Impfstoffe das Ende der unkontrollierten Virusverbreitung bereits dieses Jahr in greifbare Nähe rücken. Ohnehin haben sich die globalen Neuinfektionszahlen auch ohne nennenswerte Mitwirkung der Impfstoffe zuletzt binnen fünf Wochen halbiert. Zwar sind wir uns der Unberechenbarkeit des Virus bewusst, doch dürfte der Markt nur noch auf eine überraschend heftige Verschlechterung des Pandemiebildes nachhaltig negativ reagieren. Was die Konjunktur betrifft, so ist sie insgesamt erstaunlich robust. Asien und die USA fungieren erneut als Wachstumslokomotiven, auch wenn letztere dafür mit einem hohen Staatsdefizit bezahlen. Bei den Unternehmensgewinnen liegt Amerika dank seiner Technologiewerte ohnehin vorne – im vierten Quartal 2020 wurde im S&P 500 fast schon wieder so viel verdient wie im gleichen Zeitraum ein Jahr zuvor. Und zudem gehen wir davon aus, dass die Zentralbanken die Zinsen unangetastet niedrig belassen werden.

Ob sie das in Anbetracht der Konjunkturerholung auch tun können, ist jedoch eine für die Märkte kritische Frage dieses Jahr. Für große Nervosität sorgen bereits die seit Mitte Februar erstmals seit 2018 wieder steigenden zehnjährigen Realzinsen in den USA. Dies wirkt sich insbesondere auf die Bewertung der Wachstumswerte ungünstig aus, was für den Ausbau des zyklischen Anteils (Substanzwerte) in den Aktienportfolios spricht. Von zyklischen Aufschwungshoffnungen zeugen auch die Rohstoffpreise, die auf einem Achtjahreshoch notieren.[2] Allerdings könnte sich vor diesem Hintergrund das viel erwartete US-Stimuluspaket als zweischneidiges Schwert erweisen. Sosehr die Aktienmärkte den daraus erwachsenden Konsum- und Investitionsimpuls begrüßen würden, so sehr besteht die Gefahr, dass das Paket bereits bestehende Inflationserwartungen und Realrenditen weiter in die Höhe treiben könnte. Unsere Prognosen basieren jedoch auf der Annahme, dass Inflation und Staatsanleiherenditen dieses Jahr nur temporär steigen werden. Insgesamt gehen wir mittelfristig von einem Fortbestand des Niedrigzinsumfelds aus, was unserer Meinung weiterhin für Aktien, Unternehmensanleihen, asiatische Anleihen und ausgewählte Immobilienmärkte spricht. Strukturell setzen wir weiter auf die Themen Digitalisierung und Nachhaltigkeit.

More topics

30. Jul 2021 Amerika

Ein unternehmerischer Aufschwung

Seit Beginn der Pandemie sind in den USA neue Unternehmen aus dem Boden geschossen. Dies könnte nachhaltige Auswirkungen auf die Entwicklung der US-Wirtschaft haben.
28. Jul 2021 Politik

Was könnte die Bundestagswahl für Anleger bedeuten?

Der Ausgang der Bundestagswahl ist so ungewiss wie selten zuvor. Was machen die Märkte daraus?
23. Jul 2021 ESG

Wir leben weiter über unseren Verhältnissen

Von Jahresbeginn an bis zum 29. Juli werden wir mehr nachwachsende Ressourcen verbraucht haben, als die Erde in einem Jahr zu bieten hat. Nachhaltig ist das natürlich nicht.
See all articles

1. Hier seien etwa die Kryptowährungen oder auch die SPACs, Special Purpose Acquisition Vehicles genannt.

2. Bloomberg Commodity Index

CIO View

Anderes Land

Anderes Land