Wenn Wasser knapp wird: globale Auswirkungen

Bevölkerungswachstum, Verstädterung und Wasserverschwendung bedeuten Risiken und Chancen, etwa für Versorger und die Landwirtschaft

Nach dem Globalen Risikoreport 2019 des Weltwirtschaftsforums gehören Wasserkrisen zu den zehn größten Risiken.[1] Schätzungen des Researchunternehmens Trucost gehen von Kosten in Höhe von 1,9 Billionen Dollar aus, wenn man alle wirtschaftlichen, gesellschafts- und umweltbezogenen Kosten von Wasserverschmutzung, Überflutung und Dürre berücksichtigt. Die tatsächlichen Kosten für einen Kubikmeter Wasser reichen von 0,10 Dollar in wasserreichen Gebieten bis hin zu 15 Dollar in Gebieten mit extremer Knappheit. Unternehmen können von dieser großen Spanne profitieren, indem sie Wassernutzung und Wasserverfügbarkeit bereits in der Planungsphase berücksichtigen.[2] Obwohl drei Viertel der Erde mit Wasser bedeckt sind, entfallen nur 2,5 Prozent auf Süßwasser, und gerade einmal 1 Prozent steht für irdisches Leben und alle Ökosysteme zur Verfügung.[3] 

Verschmutzung, Verlust natürlicher Feuchtgebiete und immer häufigere Dürreperioden stellen wachsende Belastungen für die Wasserressourcen unseres Planeten dar. Der Klimawandel verschärft diese Trends ebenso wie die Entleerung nicht-erneuerbarer Grundwasserspeicher zur Deckung des Wasserbedarfs. Am besorgniserregendsten ist die Situation in China, Indien, Mexiko, Spanien, Südkorea und den Vereinigten Staaten.[4] Es kommt immer häufiger zu Wasserknappheit, weil die verfügbaren Wasserressourcen nicht ausreichen, um den Wasserbedarf in einer Region zu decken. Wasserknappheit wirkt sich nicht nur über Hunger und Krankheit auf die menschliche Gesundheit aus. Sie kann auch zu Engpässen in Schlüsselindustrien wie etwa der Landwirtschaft führen; und letzten Endes kann Wasserknappheit sogar die politische Stabilität der betroffenen Länder und Regionen gefährden. Dies wird unausweichlich weitreichende Folgen für Regierungen, Unternehmen, Investoren und Bevölkerungen haben.

Seit den 1980er Jahren ist der Wasserverbrauch mehr als doppelt so schnell gewachsen wie die Weltbevölkerung. Und der Druck auf die Wasserressourcen ist keineswegs geringer geworden.[5] Im 20. Jahrhundert wuchs die Weltbevölkerung um 4,6 Milliarden von 1,5 Milliarden auf 6,1 Milliarden. In diesem Jahrhundert wird die Weltbevölkerung nach Schätzungen der Vereinten Nationen um 4,8 Milliarden auf 10,9 Milliarden wachsen. Zwischen heute und 2050 soll die Weltbevölkerung demnach um weitere 2,1 Milliarden wachsen – wovon 58 Prozent auf Afrika und weitere 33 Prozent auf Asien entfallen.[6]

Parallel zum Bevölkerungswachstum nehmen die Verstädterung und die Bedrohung der Artenvielfalt zu. 1950 lebten 30 Prozent der Weltbevölkerung oder 751 Millionen Menschen in Städten – mittlerweile sind es 55 Prozent bzw. 4,2 Milliarden. Bis 2050 dürfte sich der Anteil der städtischen Bevölkerung auf 68 Prozent erhöht haben. Nur drei Länder – Indien, China, und Nigeria – würden für 35 Prozent der Zunahme der globalen Stadtbevölkerung zwischen 2018 und 2050 verantwortlich sein.[7]

Derzeit leiden 1,7 Milliarden Menschen in 44 Ländern unter chronischer Wasserknappheit. Bis 2050 wird etwa die Hälfte der Weltbevölkerung (4,9 Milliarden Menschen) in Ländern leben, in denen chronische oder wiederkehrende Mängel an Frischwasser herrschen. Grafik 1 zeigt auf der Grundlage von Daten aus dem World Resources Institute (WRI), dass der Wassermangel auf Länderebene im Nahen und Mittleren Osten am akutesten ist. Auch andere Schwellenländer, vor allem Indien, Chile, Mexiko und Thailand, sind betroffen. Obwohl die Industriestaaten auf den ersten Blick widerstandsfähiger erscheinen, sind die Unterschiede auf regionaler Ebene erheblich. Nach der WRI-Wasserstressskala belegen die Vereinigten Staaten mit 1,85 Punkten einen Platz in der unteren bis mittleren Risikokategorie. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass die US-Bundesstaaten New Mexico (4,26) und Kalifornien (3,72) gleichauf mit den Vereinigten Arabischen Emiraten und Spanien liegen.[8]

Wasserknappheit und Migration können auch die politische Stabilität gefährden, besonders in Schwellenländern. Eine 2011 vom Internationalen Währungsfonds durchgeführte Studie[9] untersuchte zwischen 1970 und 2007 in 120 Ländern die Korrelation zwischen steigenden Lebensmittelpreisen und Protestdemonstrationen gegen Regierungen. Sie kam zu dem Schluss, dass ein Preisanstieg bei Lebensmitteln um 10 Prozent in Ländern mit niedrigem Einkommen zu einer Verdopplung der Protestaktionen gegen die amtierende Regierung führt. Der Arabische Frühling dürfte 2011 zum großen Teil durch die Erhöhung der Getreidepreise ausgelöst worden sein. Soziale Unruhen spielen auch bei den globalen Migrationsbewegungen eine wichtige Rolle. 3,4 Prozent der Weltbevölkerung gelten heute als Migranten, während es in den 1990er Jahren noch 2,8 Prozent waren.

Diese Trends bergen Risiken für Unternehmen und ihr operatives Geschäft in Regionen, in denen Wasser knapp ist. Die rechtlichen Sanktionen können bis hin zum Entzug der Betriebserlaubnis reichen. So leistete zum Beispiel in Frankreich und Indien die lokale Bevölkerung bereits heftigen Widerstand gegen Getränkehersteller, die Raubbau an den Wasserressourcen betrieben. Heute wird 20 Prozent des globalen Bruttoinlandprodukts (BIP) in Regionen mit Wasserknappheit erwirtschaftet – diese Zahl könnte bis 2050 auf 45 Prozent steigen.[4] Aber diese Regionen bieten auch wirtschaftliche Chancen. Die Textilindustrie ist ein Extrembeispiel für hohen Wasserverbrauch: Für die Herstellung eines T-Shirts werden bis zu 2.700 Liter Wasser benötigt – das Einsparpotenzial ist enorm.[10]

Die DWS hat vor kurzem eine Wasserrisikoskala für Unternehmen entwickelt, in die Daten von Sustainalytics, ISS-Oekom, MSCI und Trucost einfließen. Das Ergebnis ist in Grafik 2 dargestellt: Die Bereiche, die am wahrscheinlichsten großen Wasserrisiken ausgesetzt sein werden (und daher mit E und F bewertet werden), sind Basiskonsumgüter, Versorger, Bergbau (als Teil des Grundstoffsektors) und Teile des Energiesektors. Umgekehrt gibt es zahlreiche Beispiele für neue oder bestehende Technologien zur Verringerung der Wasserrisiken. Zu diesen Lösungen gehören die Aufbereitung von Abwässern, die Nutzung von Regenwasser, Tröpfchenbewässerung, Einzelkornaussaat und Hybridsaaten, verbesserte Infrastruktur und Leitungen sowie Entsalzungsanlagen. Unternehmen ohne oder mit geringem Risiko der Wasserknappheit (A und B) oder Unternehmen, die spezielle Technologien zur Verringerung des Wasserrisikos entwickeln, könnten interessante Anlagemöglichkeiten bieten.

Agrarprodukte sind wesentlicher Bestandteil von Basiskonsumgütern. Auf diesen Sektor entfallen 70 Prozent des Frischwasserverbrauchs – größtenteils für Bewässerung. Davon werden jedoch etwa 60 Prozent durch undichte Bewässerungssysteme und den Anbau von Pflanzen verschwendet, deren Wasserbedarf für das Umfeld, in dem sie wachsen, zu hoch ist.[11] Da über 75 Prozent des weltweiten Angebots an Nahrungsmitteln von nur zwölf Pflanzen- und fünf Tierarten gedeckt wird, ist das Risiko für die Weltwirtschaft hoch. Extreme Ernteausfälle oder Seuchen könnten schwere wirtschaftliche Schäden anrichten.[12]

Das dritte Jahr in Folge ist der Welthunger angestiegen: Die Zahl der unterernährten Menschen hat sich von etwa 804 Millionen 2016 auf beinahe 821 Millionen 2017 erhöht hat. Die meisten unterernährten Menschen leben in Indien, China, Pakistan, Äthiopien und Indonesien. Laut Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) könnte sich durch Klimawandel und Bevölkerungswachstum die Zahl der unterernährten Menschen weltweit in diesem Jahrhundert um 40 bis 170 Millionen erhöhen.[13] Höhere Ernteerträge in höheren Breitengraden könnten durch die negativen Auswirkungen auf die Erntemenge und damit die Produktion in niedrigeren Breitengraden aufgewogen werden, wo die meisten agrarwirtschaftlich ausgerichteten Schwellenländer liegen. 

Eine Untersuchung von Ceres[14] zeigt, welche Lebensmittelhersteller die größten Fortschritte in Richtung einer intelligenten Wassernutzung machen.[15] Von den 35 untersuchten börsennotierten Unternehmen erwähnen 77 Prozent jetzt ausdrücklich Wasser als Risikofaktor in ihren Finanzdokumenten – 2017 waren es noch 59 Prozent. Trotz dieses gestiegenen Bewusstseins hinkt das effektive Wasserrisikomanagement noch hinterher – die durchschnittlich erzielte Punktzahl der Unternehmen liegt bei 38 von 100. Fleischproduzenten, bei denen die Wasserrisiken besonders hoch sind, unternehmen weiterhin am wenigsten gegen sie.

Diese Trends unterstreichen, wie wichtig es ist, dass Investoren und Unternehmen bei ihren Anlageentscheidungen Wasserrisiken und -chancen berücksichtigen. Viele von Wasserrisiken drastisch betroffene Sektoren, wie Versorger, Bergbau und Energie, sehen sich auch mit Klimarisiken konfrontiert. Der Basiskonsumgütersektor allerdings nicht. Dieser Sektor ist weniger stark vom Klimarisiko betroffen, aber sieht sich aufgrund des hohen Wasserbedarfs unmittelbar mit den Folgen des Klimawandels konfrontiert.

Das alles zeigt: Wasserrisiken werden auch für Anleger immer wichtiger. Dasselbe gilt natürlich für andere ESG-Themen wie das Klimarisiko im Allgemeinen. Wir arbeiten ständig daran, unsere Sektorallokation mit Hinblick auf alle diese Komponenten weiter zu verbessern.  Natürlich bringt die Wasserknappheit Risiken. Aber wie bereits erwähnt, gibt es Unternehmen und Bereiche, die von Lösungen zur Verringerung der Wasserknappheit profitieren könnten. Wir berücksichtigen beide Aspekte in unserem Anlageentscheidungsprozess, und das nicht erst ab 2020.

Die Welt im Wasserstress

Wasserstress ist im Nahen Osten am akutesten. Andere Schwellenländer, insbesondere Indien, Chile, Mexiko und Thailand, dürften ebenfalls stark betroffen sein.

201912_Quarterly_ESG_Water_Stress_DE.png


* Das Verhältnis des Wasserverbrauchs zum erneuerbaren Wasserangebot in der jeweiligen Region. Ein höherer "Score" bedeutet, dass mehr Nutzer um limitierte Wasservorkommen kämpfen.

Quelle: World Resources Institute; Stand: 08/2019

DWS-Wasserstresswerte nach Branchen

Grundnahrungsmittel, Versorger, Bergbau und Energie sind am stärksten Wasserrisiken ausgesetzt. Potenzielle Gewinner sind auf Teilsektorebene in der Regel leichter zu identifizieren.

201912_Quarterly_ESG_Sector_Score_DE.png


* Der DWS "Water-transition-risk Score" sammelt Unternehmensdaten und evaluiert, wie akut die jeweiligen Sektoren von "Wasserrisiken" betroffen sind.

Quelle: DWS Investment GmbH; Stand: 11/2019

1. Weltwirtschaftsforum (Januar 2019). Weltrisikobericht 2019; bei der Bewertung der Risiken wurde sowohl die Eintrittswahrscheinlichkeit, wie die Heftigkeit der möglichen Folgen berücksichtigt.

2. Trucost (2013) The True costs of water https://www.trucost.com/trucost-blog/true-cost-water

3. Der Generalsekretär der Vereinten Nationen warnt vor weitreichenden Missständen durch globale Wasserkrise (März 2018)   https://www.apnews.com/278d9a84cff74c3a996c88fa2d8d69f3

4. World Water Development Report 2019 (März 2019).

5. FAO (2017) Water for sustainable food and agriculture http://www.fao.org/3/a-i7959e.pdf

6. United Nations Population Division. World Population Prospects 2019

7. World Urbanization Prospects 2018; United Nations Economics and Social Affairs Division

8. World Resources Institute (August 2019). 17 Länder, in denen ein Viertel der Weltbevölkerung lebt, sind von extrem hoher Wasserknappheit bedroht. https://www.wri.org/aqueduct

9. Arezki, R. und Brueckner, M. 2011. Food prices and political stability. IMF Working Paper WP/11/62

10. World Wildlife Fund (Januar 2013). The impact of a cotton T-shirt

11. Global Footprint Network (Mai 2019). Advancing the science of sustainability database

12. Food and Agriculture Organization der Vereinten Nationen (November 2018). What is happening to agrobiodiversity?

13. Intergovernmental Panel on Climate Change (Oktober 2018). Global warming of 1.5˚C

14. Ceres ist ein Non-Profit-Bündnis aus institutionellen Anlegern und Unternehmen, die sich der Nachhaltigkeit verschrieben haben.

15. Ceres (2019). Feeding ourselves thirsty https://www.ceres.org/sites/default/files/reports/2019-10/FOT2019_Executive_Summary.pdf

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