Fixed Income

Sehr viel spricht weiterhin für Anleihen

Vieles ist anders. Aber wer unsere Jahresausblicke aus den vergangenen Jahren kennt, dem könnte vieles bekannt vorkommen.

  • Auf dem Weg ins Jahr 2021 sehen wir bei Unternehmens- und Schwellenländeranleihen außergewöhnlich gute Risiko-/Ertragsprofile.
  • Die Zinsen für Staatsanleihen sollten durch die Bemühungen der Zentralbanken, die Pandemieschäden einzudämmen, noch lange niedrig bleiben.
  • Bei den Währungen dürfte es kaum große Veränderungen geben. Noch ist es zu früh, den Dollar anzuzählen.
Lesezeit

Was für ein Jahr! Die Volkswirtschaften sind überraschend gut mit dieser hoffentlich einmaligen Jahrhundertpandemie zurechtgekommen. Seit einigen Wochen steigen die Infektionszahlen in den Vereinigten Staaten und Europa erneut an, sodass die Wirtschaft zum Teil wieder heruntergefahren wurde. Auch wenn dies zynisch klingen mag: Für die Anleihepreise scheinen das gute Nachrichten zu sein, da die Zentralbanken so über lange Zeit zur Fortsetzung ihrer Anleihekaufprogramme gezwungen werden. Weitere Unterstützung kommt aus drei Richtungen: 1. Ermutigende (wenn auch vorläufige) Daten der letzten klinischen Studienphase mehrerer Impfstoffe. 2. Das voraussichtliche Ergebnis der US-Präsidentschaftswahl – die Wahrscheinlichkeit, dass die neue US-Regierung unter Joe Biden die Unternehmensbesteuerung einschneidend verändert, ist geschwunden. 3. Der von der Europäischen Union (EU) beschlossene Wiederaufbaufonds ebnet endlich den Weg für eine stärkere fiskalpolitische Integration.

Was bedeutet das alles? Um es mit den Worten des italienischen Schriftstellers Giuseppe Tomasi di Lampedusa auszudrücken, so musste sich vieles ändern, damit alles bleiben konnte, wie es war – zumindest mit Blick auf die Auswirkungen für festverzinsliche Wertpapiere. Wer unsere Jahresausblicke aus vergangenen Jahren kennt, dem könnte vieles bekannt vorkommen: Unternehmensanleihen stehen bei uns weiterhin hoch im Kurs, vielleicht höher als je zuvor. Dieses Mal sind wir sogar noch stärker davon überzeugt, dass Unternehmensanleihen auf dem Weg ins Jahr 2021 ein außergewöhnlich gutes Risiko-/Ertragsprofil bieten – hoffentlich ohne die Achterbahnfahrt, die wir 2020 erlebten.

Unsere Zinsprognosen vom Sommer bleiben für Europa, das Vereinigte Königreich und Japan unverändert.

Da die Zentralbanken weiterhin Gas geben dürften, rechnen wir noch über einen längeren Zeitraum mit niedrigen Zinsen bei Staatsanleihen. Unsere Zinsprognosen vom Sommer bleiben für Europa, das Vereinigte Königreich und Japan unverändert. Für die USA rechnen wir am langen Ende (10 bis 30 Jahre) mit etwas steileren Zinskurven, da sich das sehr lange Ende mit der angekündigten wirtschaftlichen Erholung wieder normalisieren sollte. Dennoch dürften die Realzinsen für so ziemlich alle Staatsanleihen, die als „risikofrei“ angesehen werden, negativ bleiben. In Japan und vielen Ländern der Eurozone sind sogar die nominalen Zinsen seit langem negativ und dürften es auch bleiben. So hat beispielsweise die Europäische Zentralbank (EZB) eindeutig signalisiert, weiterhin wachsam zu bleiben und zusätzliche Lockerungsmaßnahmen (QE) zu ergreifen – es bleibt also kaum Spielraum für steigende Zinsen („Aufwärtspotential“) in der Eurozone. (Hier von „Aufwärtspotential“ zu sprechen ist etwas irreführend. Wir sehen die Zinsen in einem Jahr bei -0,5 Prozent für zehnjährige Bundesanleihen und auch für dreißigjährige Anleihen noch bei -0,1 Prozent. „Steigende Zinsen“ würde bedeuten, dass die Zinsen nicht mehr ganz so negativ wären, und neben den negativen Zinsen auch zu Kursverlusten führen würden.)

Bei derart wenig ansprechenden „risikofreien“ Alternativen überrascht es kaum, dass die Jagd nach Rendite weiter geht. Bei den Staatsanleihen in der Eurozone konzentrieren wir uns besonders auf die EU-Peripherie. Da die großen Ratingagenturen Italien inzwischen bereits besser bewerten, bieten diese Anleihen zwar inzwischen nur noch wenig Spielraum für geringere Zinsaufschläge gegenüber Bundesanleihen. Aber auch beim aktuellen Zinsabstand bleiben sie aufgrund von Roll-down- und Carry-Effekten interessant.

Der Mangel an Alternativen hat am Markt für in Euro denominierte Unternehmensanleihen mit Investment-Grade-(IG-)Rating zu einer bizarren Situation geführt. Der Anteil der Investment-Grade-Anleihen mit negativen nominalen Renditen ist wieder auf sagenhafte 35 Prozent geklettert.[1] Wir beobachten zunehmend in Kundenportfolios, dass IG-Anleihen mit hoher Bonitätseinstufung als Ankeranlageklasse dienen. Bei hochverzinslichen Anleihen (high yield, HY) war zu beobachten, dass sich auch schwer von der Pandemie angeschlagene Emittenten refinanzieren konnten, sodass sich künftige Ausfälle in Grenzen halten dürften. Die Ausfallquoten dürften in der Eurozone niedrig bleiben und in den Vereinigten Staaten aufgrund fiskalischer Hilfspakete und dem Umstand, dass fragwürdige Geschäftsmodelle bereits vom Markt verschwunden sind, zurückgehen. Die positiven Nachrichten über erste Erfolge bei der Impfstoffentwicklung haben die Stimmung weiter aufgehellt; sogar weit abgeschlagene Hochzinsanleihen aus durch die Pandemie stark beeinträchtigten Branchen konnten auf beiden Seiten des Atlantiks wieder Boden gut machen.

Inzwischen scheinen Asien im Allgemeinen und China im Besonderen ihren Pfad der wirtschaftlichen Erholung weiter zu beschreiten. Anleihen aus Schwellenländern (EM) und asiatische Anleihen sind unsere bevorzugte Anlageklasse. Die Wachstumslokomotive China und das asiatische Freihandelsabkommen dürften ihnen starken Auftrieb geben, ebenso wie stabile Ölpreise und Wechselkurse gegenüber dem Dollar. –. Wir erwarten, dass insbesondere höher verzinsliche Anleihen von den insgesamt besseren Aussichten und der Jagd nach Rendite profitieren werden.

Könnte noch etwas schiefgehen? Leider ja. Die Märkte werten die Nachrichten über den Stand der Impfstoffentwicklung gegen Covid-19 und die voraussichtlichen Ergebnisse der US-Wahlen als Zeichen verringerter Extremrisiken für Anleihen. Wir überlassen es den Experten aus Medizin und Gesundheitswesen, die Wahrscheinlichkeit negativer oder vielleicht auch weiterer positiver Überraschungen zu Impfstoffen, Therapien und den Auswirkungen einer flächendeckenden Anwendung von Covid-Schnelltests zu beurteilen. Zur Wirtschaftspolitik mögen uns aber einige warnende Anmerkungen gestattet sein.

Der Anteil der Investment-Grade-Anleihen mit negativen nominalen Renditen ist wieder auf sagenhafte 35 Prozent geklettert.

„Reaktionen der Legislative auf Finanzkrisen und Konjunkturschwächen sind in der Regel immer beschränkt und zeitlich verzögert“

McCarty, N., Poole, K.T. und Rosenthal, H., 2013

Die Stichwahlen um die beiden Senatssitze des US-Bundesstaats Georgia am 5. Januar 2021 könnten der Demokratischen Partei neben Präsidentschaft und Mehrheit im Repräsentantenhaus noch zur Kontrolle im Senat verhelfen. Die Anleger sollten jedenfalls vorsichtig sein, von Wahlergebnissen unmittelbare Rückschlüsse auf die Wahrscheinlichkeit fiskalpolitischer Entscheidungen zu ziehen. Politik ist bisweilen chaotisch und schwer vorhersehbar. Und in der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte war die schnelle und effektive fiskalpolitische Reaktion auf die Konjunkturabschwächung 2020 sehr ungewöhnlich. „Reaktionen der Legislative auf Finanzkrisen und Konjunkturschwächen sind in der Regel immer beschränkt und zeitlich verzögert“, schrieben drei führende Politologen in einem hervorragenden Buch, das nach den Ereignissen 2008 veröffentlicht wurde.[2]

An der Schwelle zum Jahr 2021 wäre eine politische Pattstellung in Washington nur dann eine gute Nachricht für die Märkte, wenn keine Änderungen von Bundesgesetzen notwendig sein sollten. Optimistische Markteinschätzungen basieren auf der Vorstellung, dass Geld- und Fiskalpolitik eine Put-Option auf Anleihen ermöglicht haben und, falls erforderlich, schnell rettend eingreifen werden. Diese Vorstellung eines effektiven Put könnte in den nächsten Monaten durchaus auf die Probe gestellt werden, wenn beispielsweise mehr flächendeckende Maßnahmen zur Eindämmung des Virus Unternehmensanleihen erneut unter Druck setzen sollten.

Wir würden in derartigen Nervositätsschüben eine Kaufgelegenheit sehen. Insgesamt waren wir nie so überzeugt, dass sich Unternehmensanleihen gut entwickeln werden, wie für 2021. Natürlich gibt es immer individuelle Eigenheiten zu berücksichtigen, allem voran die Bilanzstärke sowie lokale geldpolitische Maßnahmen, zum Beispiel bei Anleihen, die von Emittenten aus Schwellenländern in Landeswährung begeben werden. Die großen Währungspaare dürften sich kaum verändern. Wir halten es für zu früh, den Dollar jetzt schon anzuzählen. Besonnene politische Maßnahmen auf allen Seiten dürften aber eher für relative Ruhe sorgen als für große Ausschläge.

Aktuelle Anleihespreads im historischen Vergleich

Für die meisten festverzinslichen Anlageklassen bleiben die aktuellen Spreads höher als am Ende des letzten Jahres, sodass sich Anleihen jetzt am billigeren Ende der historischen Bewertungen der letzten fünf Jahre befinden.

202011_Quarterly_Fixed Income_CHART_DE_72DPI.png

* Ziffern zeigen Spread zu Bundesanleihen
** Ziffern zeigen Spread zu US-Staatsanleihen
Quellen: Bloomberg Finance L.P., DWS Investment GmbH; Stand: 17.11.2020

Die aktuellen Quarterly-Artikel im Überblick

CIO View Quarterly

Lesen Sie mehr

Weitere Themen

15. Jan 2021 Amerika

Von Sparsamkeit wenig zu merken

Die Wahrscheinlichkeit weiterer Defizitausgaben ist aufgrund des Ergebnisses der Senatswahlen in Georgia deutlich gestiegen.
08. Jan 2021 Europa

Endlich handelseinig

Neben dem Brexit-Deal ist der EU über Weihnachten noch eine Überraschung geglückt: Das für die Exporteure langfristig ähnlich wichtige Investitionsabkommen mit China.
07. Jan 2021 Makro

Investmentampeln

2020 war besser als sein Ruf – zumindest aus Anlegersicht. 2021 wiederum sollten Unternehmen und Verbraucher stärker zum Zug kommen. Eine breite Aufstellung empfiehlt sich.
Zu allen Artikeln

1 . Bloomberg Finance L.P.; Stand: 17.11.2020

2 . McCarty, N., Poole, K.T. und Rosenthal, H., 2013. Political Bubbles: Financial Crises and the Failure of American Democracy. Princeton University Press. s. besonders S. 153-183.

CIO View

Cookies Policy

Diese Website verwendet Cookies zur Verbesserung der Benutzerfreundlichkeit. Wenn Sie akzeptieren gehen wir davon aus, dass Sie damit einverstanden sind. Weitere Informationen zu den von uns verwendeten Cookies oder darüber, wie Sie Ihre Einstellungen verändern können, finden Sie in unserem Cookie-Hinweis.
Alle Cookies Akzeptieren

Anderes Land

Anderes Land